Yaneq verstrickt sich in eine heiße Diskussion mit einem Stuttgarter über den Umbau des Bahnhofs der süddeutschen Metropole. Die Lage spitzt sich zu, im Hintergrund läuft Work It Out von Jurassic 5 und Yaneq fragt ganz lapidar: »Waaas?!«
Als mündiger Bürger einer Republik hat man selbstverständlich an allen Diskursen von gesellschaftlichem Belang teilzunehmen und sich zu den relevanten Themen eine Meinung zu bilden. Austieg aus der Atomkraft, Aus- oder Inlandseinsätze der Bundeswehr, Erderwärmung oder Präimplantationsdiagnostik: Ein Schuft, wer sich raushält.
Auf der anderen Seite interessiert es mich ehrlich gesagt einen Scheißdreck, ob in Stuttgart ein neuer Bahnhof gebaut wird oder in China ein Sack Reis umfällt. Aber da das Thema im letzten Jahr nun mal rauf und runter gedudelt wurde, kam ich auch in diesem Falle nicht umhin, mir – wenn schon keine Meinung, dann doch – zumindest eine Polemik zu bilden.

Neulich kam ich dankbarerweise endlich dazu, sie einem direkt Betroffenen vortragen zu können. Ich unterhielt mich gerade mit Karin auf dem Konzert von Chali 2na und F. Stokes im Bohannon, als ein 20jähriger an uns vorbeilief und sich einmischte.
»Der Bahnhof? Ich bin aus Stuttgart!«
»Super, dann bist du wahrscheinlich auch dafür!«
»Klar, bin ich dafür, dass die den Abriss stoppen!«
»Stoppen? Was kann man denn gegen einen Bahnhof haben?« Schnapp. Die Falle ist zu.
»Dagegen? Ich sag dir, was man dagegen haben kann!« Der junge Mann brachte sich mit dem engagierten Ernst der entflammten Jugend in unsere Unterhaltung ein, während sich um Karins und meine Augenwinkel eine ironische Verschmitztheit zeichnete. Jetzt nicht zu schnell nach vorne polemisieren. Erst mal ihn kommen lassen. Ich trank vom Vodka-Mule, während er mir vom Grundwasserspiegel und dem schönen Schlosspark erzählte.
»Kann ja alles sein. Aber was sind denn das für Leute, die sich da mit 60 Jahren vor die Kameras stellen und sich vor lauter Stolz auf die Brust klopfen, weil sie zum ersten Mal demonstrieren. Da kann man doch nur vielen Dank für ihren bisherigen Beitrag zur partizipativen Demokratie sagen.«
Der Junge redete unbeirrt weiter. Da seien alle Altersgruppen vertreten und so, ohne auf das eigentliche Argument einzugehen.
»Ich glaube ja, das sind alles nur die Leute, die in Sindelfingen bei Audi und Mercedes arbeiten, sich in Zeiten der Klimakatastrophe die Fahrt dahin durch die Pendlerpauschale bezahlen lassen und einfach nur die gute Deutsche Bahn dissen wollen!«
»Die regieren über unsere Köpfe hinweg«, schrie mich der Stuttgarter an.
Und anstatt jetzt mit dem bekannten Kann-Ich-Auch-Mal-Ausreden oder Schrei-Mich-Nicht-So-An zu reagieren, legte mir der Zufall eine neue Wunderwaffe auf die Zunge: »Waaas?«, brüllte ich zurück. Karin, die sich bisher rausgehalten hatte, musste lachten. Ich verkniff es mir.
Es half. Er sprach jetzt etwas ruhiger, nur um dann gleich wieder ins Crescendo zu verfallen. Man wolle doch nicht zehn Jahre lang mit einer Baustelle in der Stadt leben.
»Tun wir in Berlin doch auch. Seit zwanzig Jahren sogar schon.«
»Ja, aber stell dir mal vor«, sagte er, und man merkte, jetzt kommt ein Mörderargument, »stell dir mal vor, die schließen hier den Bahnhof Zoo und bauen irgendwo einen neuen Bahnhof!« Er wartete stolz auf unsere Reaktion.
Karin und ich guckten uns ungläubig an und lachten los: »Schon längst passiert, Alter! Ist super: Hauptbahnhof! Shoppingparadies und so!« Er musste ja nicht die ganze Wahrheit erfahren.
»Mein Vater ist bei der Polizei und der…«
»Was, dann hat der dem alten Mann das Auge augeschossen?«
»Na, bestimmt nicht«, schrie er, aber das war okay, weil meine Frage natürlich ungerecht war. Ich hatte sie halt bloß in meiner polemisch-euphorischen Stimmung nicht unterdrücken können.
»Da wird jetzt über zehn Jahre eine Baustelle in der Innenstadt sein und die Straßenbahn braucht eine Viertelstunde länger, weil sie einen Umweg fahren muss!« Er brüllte wieder.
»Was?« Lil’ Wayne Style. »Ich kann dich nicht verstehen!«
Sofort senkte er seine Stimme, nur um mit dem nächsten Halbsatz die Kadenz wieder anzuheben.
»Und ich darf mit meinem VW Bus nicht in die Stadt fahren, weil ich keine grüne Plakette habe…«
»Das ist ja auch richtig so! Wieso nimmst du nicht die Straßenbahn?«
»Tu ich ja auch. Aber wenn ich mit dem Wagen fahr’, darf ich nicht rein, weil’s ‘n Diesel ist. Nur die Bagger die den Bahnhof abreißen, die dürfen!« Er war sichtlich empört, ob dieser Ungerechtigkeit.
»Ja, aber was ist denn die Alternative?«
»Ich sag dir, was die Alternative ist!«
»Wie bitte?« Aus vollem Hals. Ich grinste selber.
»Ich sag dir, was die Alternative ist…«
»Nee, ich mein’, gibt es Bagger, die den Job mit Elektromotor machen könnten?«
»Die sollen den gar nicht abreißen, den Bahnhof!«
Und obwohl er wieder brüllte, ließ ich ihn diesmal in Ruhe. Was geht es mich auch an, ob die in Stuttgart nun einen alten Sackbahnhof haben oder einen schicken, neuen Unterirdischen. Wenn die Schwaben nicht durch eine schnelle Trasse mit Budapest und Paris angeschlossen werden, sondern lieber für sich im Tal hocken wollen, dann sollen sie doch. Dieses Recht gehört auch zur Demokratie. Es gibt auch Dinge, die man vor Ort klären sollte. Und das haben die Stutgarter ja nun auch getan. Vielleicht gibt es so bald auch den ersten grünen Ministerpräsidenten nach über 50 Jahren CDU-Muff. So hat es alles sein Gutes.
Ich nehm noch einen Schluck Vodka und vom Dancefloor schallt es:
»And we’ like different minds workin off the same brain
Passengers on different cars steppin off the same train
In the end, makin it right’s the main aim
Different parts of the picture highlight the same frame.«
Word.