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Yaneq erzählt von seiner Abscheu gegenüber den italienischen Rechtsrecken Frei.Wild und über einen ähnlich gelagerten Fall, nämlich den der Böhsen Onkelz, und wie ihm einmal vor Schreck die Rock’n’Roll-Hand in der Luft gefror.

Gerade war wieder Echo Verleihung. Abgesehen davon, dass mein Haus- und Hofsender FluxFM zu Recht einen der Preise erhalten hat, entstand dieses Jahr die eigentliche Aufregung schon im Vorfeld: Der offensichtlich vollständig verblödete Echo-Rat kam auf die Idee die italienischen Rechtsrecken Frei.Wild in der Kategorie »National« zu nominieren. So viel Heim-ins-Reich-Ambition rief natürlich Widerspruch hervor, andere Bands wollten mit dem Dreck nichts zu tun haben und lehnten die eigene Nominierung ab.
So richtig das ist, so ist es natürlich auch Wasser auf die Mühlen, der sich als Underdogs fühlenden Protonazis. Die Selbststigmatisierung als Opfer steckt ja schon im Namen: Freiwild knallt man ab. Wir gegen die da oben! Die drücken uns, aber sie kriegen uns nicht unter! Wir stehen zusammen! Schließt die Reihen! Die Majorindustrie kämpft gegen uns Indies, fabuliert der Südtiroler Sänger mit Skinhead-Vergangenheit, von der er sich, genau wie die Böhsen Onkelz ihrerzeit, selbstverständlich losgesagt hat. Aber Patriot wird man doch noch sein dürfen! Das sieht auch der NPD-Bundesvorsitzende so, der erzählt, dass 80 Prozent der Frei.Wild-Leute Parteimitglieder seien. Ich glaube für echte Nazis sind die Onkelz und Freiwild allerhöchstens Einstiegsdroge oder – je nach Alter der Sozialisation – Verrat und Verwässerung der Hardcore-Ideale. Vielleicht auch sowas wie Außenbotschafter und Rattenfänger. Ich kenne keine Nazis persönlich. Aber komischerweise kenne ich, was die Anhängerschaft der Frei.Wild-Fans und der Bösen-Onkelz-Freunde angeht nur zwei Gruppen Bundesbürger: Ostdeutsche und solche mit Migrationshintergrund.

Als ich dreizehn, vierzehn Jahre alt war zum Beispiel, war Fabi mein bester Freund, Sohn eines italienischen Kellners und einer belgischen Reinigungskraft. Er war zwei Jahre älter, Skinhead und hatte Onkelz-Platten. Mexiko und so. Türkenfotze. Ich war kleiner Punk und hatte Tote Hosen-Platten und Toy Dolls. Wir interessierten uns beide für Kunst, meine Mutter fuhr uns zur August-Macke-Ausstellung. Tolles Bild: Ein kleiner Punk und ein etwas größerer Skin, Ende der Achtziger Jahre vor einem kubistischen Bild in Andacht vereint.
»Fabi, so ’ne Scheiße kannst du doch nicht hören! Das ist doch Nazidreck!«
»Nee, das ist doch witzig, die meinen das nicht so. Mach dich locker. Es geht darum, dass man sich nicht unterbuttern lässt!«
Was ich argumentativ nicht zu leisten vermochte, schaffte Anfang der Neunziger dann die wirkungsvolle Mischung aus Technomusik und Drogenkonsum. Fabi wurde ravender Hippie. Eine Mischung, die wie ich hörte auch mehr Brandenburger Faschohools zivilisiert hat, als gutmeinende Sozialarbeiter mit ihrer arme-arbeistslose-Jugendliche-Rhetorik. Jetzt kann man angesichts einer Bundesregierung, die sich weigert einen Verbotsantrag gegen die NPD zu stellen natürlich kritisch hinterfragen, warum sie dann Drogen verbietet. Hätten wir Ende des letzten Jahrhunderts mehr Extacy nach Thüringen geschafft, hätte es vielleicht nie den NSU gegeben und die Kölner Bürger, die aufgrund ihrer türkischen Herkunft von den Nazi-Terroristen mit Nagelbomben attackiert wurden, würden jetzt zum Frei.Wild-Konzert gehen. Eine Welt, in der ich leben könnte. Soviel Toleranz muss sein.

Den Kampf gegen die Onkelz habe ich anders verloren. Mein Freund Tamer und ich hatten uns schon Jahre lang darüber gestritten, ob die Onkelz nun Faschos seien oder nicht. Er liebt sie. Ich nicht. Tamer hat die Musik der Onkelz immer wieder in seine Theaterstücke eingebaut. Vor ein paar Jahren saßen wir nach der Premiere im Café des Hebbel Theaters und ich quatsche gerade mit Jaques Palminger aus Hamburg, als Tamer im Onkelz-Shirt vorbeikommt. Ich stell sie einander vor.
»Alter, ich versteh ja, dass du deren Musik in dein Stück baust, aber dass du jetzt auch noch in dem T-Shirt rumlaufen musst, ist mir zu viel. Wir haben die damals so sehr bekämpft…«, und schon lief die Diskussion die nächste halbe Stunde.
Tamer ist straight edge. Ein paar Monate später holte er mich mit seinem roten Golf im Lovelite ab, kleiner Klub in Berlin-Friedrichshain, wo ich damals die Party Artys veranstaltet habe. Es ist 4 Uhr morgens oder so, ich bin angeheitert, to say the least, sprich, ich habe schon ordentlich einen im Kahn. Wir steigen in sein Auto, die Anlage springt an, ein fettes Gitarrenriff knallt aus den Speakern.
»Geil, Motörhead!«, ruf ich und schleudere, kleinen und Zeigefinger abgespreizt, meine Rock’n’Roll-Hand gen Windschutzscheibe, deute ein Bängen des Kopfes an.
Tamer grinst zu mir rüber: »Nee, Onkelz, Mann!«
Es war als ob die Zeit stehenbleibt, meine blöde Rock’n’Roll-Hand in der Luft gefroren. Einen jahrelangen Disput so einfach zu verlieren. Ätzend ist das!
Okay, vielleicht hatten die Onkelz packende Riffs. Aber mit denen fangen sie halt die Ratten – alles Ratten außer Fabi und Tamer, versteht sich. Und Frei.Wild werden es ähnlich anstellen. Aber die Texte bleiben eben doch chauvinistisch bis nationalistisch. Dreck halt.

Speaking of my Rock’n’Roll Hand, die hätte mir beinahe mal den Zorn türkischer Antifaschisten eingehandelt.
Ich stand angetüdelt im Hebbel Theater und rockte euphorisch zu der Mucke von Selim Sesler, den Istanbuler Gypsy-Musiker, den Alex Hacke in Fatih Akins »Crossing the Bridge« mit den Worten vorstellt, bei seinen Sessions ginge es darum, wer am längsten spielt und wer dabei am meisten trinkt. Schon mal grundsympathisch, die Haltung. Selim und seine Musiker fiedelten und muckten und rockten den großen Saal in Trance. Voller Freude warf ich halt irgendwann meine Rock’n’Roll-Hand in die Luft, so wie ich das immer tue, wenn ich begeistert bin und rief irgendeinen Freudenschrei.
Ein langhaariger, türkischer Freund nahm mich zur Seite und sagte, dieses Handzeichen könne ich hier nicht machen, das sei gefährlich.
»Wieso, sind doch keine extremen Moslems hier oder?!«
»Nein, das ist das Zeichen der Grauen Wölfe, der türkischen Faschos!«
Graue Wölfe, frei und wild, wie die Bergziegen bei Brixen.

Ich mein abgesehen davon, dass jemand, der sich frei und wild nennt, wahrscheinlich das Gegenteil davon lebt, so wie ein picklieger Pornorapper eben wenig fickt und deshalb seine Fantasie in seine Texte einbringt, ist so eine Adjektive-Verkettung schon an sich bekämpfenswert.
Als ich zum ersten mal dem Bandnamen als Heckscheibenaufkleber begegnet bin, waren wir leider in voller Fahrt auf der Autobahn. Sonst hätte ich eventuell spontan frei wie wild reagiert und das einzig richtige getan: Die blöde Scheibe zu zerkloppen.
Ton, Steine, Scherben, Genossen!

Schaut auch hier: http://www.hhv-mag.com/de/feature/4726/yaneqdoten-frei-wild-graue-wolfe

Yaneq erzählt von angetrunkenen und bekifften Geschäftsmännern, die dennoch Haltung bewahren und davon wie ihm selbst bei einer Begegnung mit Staatsbeamten der Beweisführung ein Schnippchen schlagen konnte.

Sein wir ehrlich: Wer in Berlin Auto fährt, tut das auch, wenn er mal betrunken ist. Zumindest derjenige Teil Berliner, der sich zur Clubszene zählt und Auto fährt. Natürlich gibt es solche und solche Alk-Fahrer. Jeden zweiten Tag liest man in der BZ von irgendeinem Hohenschönhausener Raser, der einen Fahrradfahrer umgenietet hat. Was ich davon halte, kann man in der letzten Yaneqdote lesen.
Ich kenne aber auch einen erfolgreichen Geschäftsmann, der seine schwarze Limousine nach Einbruch der Dunkelheit grundsätzlich angetrunken und bekifft manövriert und ich kann eine gewisse unvernünftige Bewunderung nicht leugnen. Die Bewunderung liegt auch in dem Umstand begründet, dass dieser Mann seine Agentur, mit immerhin um die 30 Mitarbeitern, bekifft führt, jeden Morgen sein erstes Horn raucht und jeden Abend trinkt, ohne zu vergessen, was er wem gesagt hat und was wer ihm gesagt hat. Ich bewundere also eigentlich seine Konzentrationsfähigkeit und auf diese kommt es an, will man unverletzt und ohne jemanden anders zu verletzen betrunken durch den Verkehr manövrieren.

Fast genauso wichtig, wie keinen zu verletzen, ist es von der Polizei nicht erwischt zu werden. Denn das ist unangenehm und teuer. Ich habe vor vielen Jahren mal vier Freunde in einem kleinen Peugeot nach Hause gefahren. Ich hatte auf unserem Freestyle-Cypher in der Greifswalderstraße vielleicht fünf Cola-Rum, zwei Bier und drei Sekt getrunken, an den wandernden Joints gezogen und am Ende des Abends, so um 5, 6 Uhr verkündet: »Ich fahr euch alle nach Hause!«
Wir hielten auf dem Weg noch an einer Currybude am Mehringdamm, an der inzwischen mehr Kamerateams von RTL2 drehen, um das authentische Berlin zu zeigen, als dass da Wurstesser stehen. Aber damals noch nicht. Doch als wir dort ankamen war gerade die eine Stunde am Morgen, in der der Laden zu hat und putzt. Egal, wir aßen Falafel um die Ecke und als ich wieder anfuhr, habe ich wohl vergessen, das Licht anzumachen. Keine 500 Meter später stoppte uns ein Streifenwagen in der Bergmannstraße.
»Steigen Sie mal bitte aus«, sagte die Polizistin.
»Ja, klar«, sagte ich und reichte ihr den Führerschein.
»Nein, Sie sollen aussteigen.«
»Ach, so, ja klar.« Ich gab ihr meinen Personalausweis.

Währenddessen zischte mein Kumpel auf dem Beifahrersitz immer wieder: »Darf ich, ich liiiebe Marihuana sagen – darf ich’s sagen?«, denn ich hatte kurz zuvor die Story von Fatih aus Köln erzählt, der mit seinen Kollegen auf irgendeiner Polizeiwache nach Drogen durchsucht und befragt worden war. »Haben Sie BTM dabei?« »BTM?« »Betäubungsmittel.« »Betäubungsmittel?«. Fatih stellte sich blöd. »Na, Drogen? Haben Sie Drogen dabei?« »Was für Drogen denn?« Fatih war die reine Unschuld. »Na, Extacy, Kokain, MDMA«, fing der Polizist an aufzuzählen, »Speed, Marihuana…«, als ihn Fatih jäh unterbrach. »Marihuana? Klar hab ich das genommen. Ich liiiebe Marihuana! Hier, ich hab noch was«, und er kramte in seiner Hosentasche, um ein, zwei Gramm hervorzuholen. »Dat könn’se haben! Isch bin eh discht!« Der Polizist war total perplex. Und Fatih durfte die Wache keine fünf Minuten später als freier Mann verlassen.
»Darf ich, ich liiiebe Marihuana sagen – darf ich’s sagen?«
»Nein, halt’s Maul«, zischte ich zurück.
»Nein, nicht den Personalausweis. Sie sollen jetzt mal bitte aussteigen!«
»Ach, so, ja klar.« Ich kletterte aus dem Auto.
Die Polizistin musterte mich kritisch.
»Fassen Sie sich mal mit dem Finger an die Nase!«
Problemlos tat ich wie mir geheißen.
»Laufen Sie mal bitte hier auf der Linie gerade aus. Ja, gut. Jetzt umdrehen! Und zurück!«
Auch das Laufen gelang mir ohne Stolpern oder Eiern.
»Sie haben ganz rote Augen. Haben Sie gekifft?«
»Nein, nein, ich bin ein bisschen erkältet.«
»Haben Sie was getrunken?«
»Och joa«, sagte ich. »Ein Bier, aber am frühen Abend, das ist lange her.« Ich dachte ein bisschen Wahrheit sei besser als eine starke Lüge. Weit gefehlt.
»Dann müssen Sie jetzt mal bitte blasen.«
Jetzt sprang mein Kumpel – ein Mensch von breiter Statur und hoch gewachsen – um mir beizustehen wie eine Naturgewalt aus dem Wagen. »Was heißt hier Blasen? Der macht jaar nischt! Mein Vater ist Anwalt!« Das war zwar nett und solidarisch von ihm, doch in keinster Weise konstruktiv.
»Alter, ist gut, setz dich wieder rein!«

Die Polizistin wirkte dankbar erleichtert. Sie gab mir ihr Messgerät, in das ich nun blasen musste und ich überlegte fieberhaft, wie die Situation noch zu retten sei. Wenn ich jetzt da rein puste, geben meine Lungenkapillaren den Alkohol der ganzen Cola-Rums und Biere und des Sekts wieder frei. Mir fiel ein, dass Trompeter, Saxophonspieler, die ganzen Bläser halt zuerst aus dem Mund, dann aus dem Nasen- und Halsbereich und zuallerletzt aus den Lungen blasen, dass sie sogar zirkular atmen können. Ich probierte es notgedrungen und untrainiert aus, pustete in diesen grauen Kasten, der wie diese Kinder-Pust-Klaviere aussah, pustete lang und anhaltend, während die Kiste einen Dauerpiepton von sich gab und die Polizistin mich mit »Blasen, blasen« hochengagiert anfeuerte, pustete und pustete. Und was ich soll ich sagen? 0,02 Promille!
Ich weiß, das ist nichts worauf man als Erwachsener stolz sein sollte. Aber es ist doch schwer, es nicht ein kleines bisschen zu sein. Niemand wurde verletzt. Meine Leute kamen alle sicher nach Hause. Und die BZ hatte nichts zu vermelden. Höchstens vielleicht aus Hohenschönhausen.

Schaut auch hier unter: http://www.hhv-mag.com/de/feature/4077/yaneqdoten-drinking-driving

Yaneq hat Probleme mit der Ost-Berliner Polizei und stolpert darüber in ein anekdotenreiches Sinnieren über das deutsche-deutsche Verhältnis zweiundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall.
»Es gibt nur noch eine Berliner Polizei«, schlaumierte Polizeikomissar H., nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er Ost- oder West-Berliner Polizist sei.
»Nein, da irren Sie sich«, erwiderte ich betont freundlich. »Der West-Berliner Polizist ist schon länger in der Bürgergesellschaft angekommen und weiß, dass man Angelegenheiten auch flexibel handhaben kann, besteht nicht auf der penibelsten Einhaltung jeder noch so kleinen Regel, während der Ost-Berliner Polizist da noch eher analfixiert ist.« weiter lesen

Es war Anfang der Nuller Jahre und Marc Hype hatte Geburtstag. Er feierte in der kleinen Galerie Tristesse Deluxe, die damals noch auf der Schlesischen Straße war. Einige Leute waren gekommen. Neben den Berliner Oldschoolern auch all diejenigen, die damals HipHop oder ähnliches in der Stadt machten und mit ihm befreundet waren. Hundert Leute vielleicht. Ich saß hinten nah der Bar und den Toiletten mit vier Jungs, die ich nicht kannte, und wir unterhielten uns bei Bier und Joints. Irgendwann kam das Thema »Ausländer« auf. Ich war schon gut angetüdelt und angeraucht und stellte nun meinen Ethno-Blick scharf.

»Ach so, ihr seid Türken«, sagte ich und freute mich. »Ich kenn’ ‘nen super Witz!«

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Yaneq verstrickt sich in eine heiße Diskussion mit einem Stuttgarter über den Umbau des Bahnhofs der süddeutschen Metropole. Die Lage spitzt sich zu, im Hintergrund läuft Work It Out von Jurassic 5 und Yaneq fragt ganz lapidar: »Waaas?!«
Als mündiger Bürger einer Republik hat man selbstverständlich an allen Diskursen von gesellschaftlichem Belang teilzunehmen und sich zu den relevanten Themen eine Meinung zu bilden. Austieg aus der Atomkraft, Aus- oder Inlandseinsätze der Bundeswehr, Erderwärmung oder Präimplantationsdiagnostik: Ein Schuft, wer sich raushält.
Auf der anderen Seite interessiert es mich ehrlich gesagt einen Scheißdreck, ob in Stuttgart ein neuer Bahnhof gebaut wird oder in China ein Sack Reis umfällt. Aber da das Thema im letzten Jahr nun mal rauf und runter gedudelt wurde, kam ich auch in diesem Falle nicht umhin, mir – wenn schon keine Meinung, dann doch – zumindest eine Polemik zu bilden.